Bratislava

Ein Experiment in Langlaufen

Es begann eigentlich mit einer ganz normalen Trainingsplanung, im Herbst 2013. Irgendwoher kam die Idee, 2014 den Rennsteig zu laufen, den Supermarathon, über fast 73 Kilometer im deutschen Thüringen. Für solch einen langen Lauf gehört es sich natürlich, ordentlich zu trainieren – also nichts wie losgelegt und einen Ultramarathon-Laufplan gesucht. Schnell war einer gefunden und an das Zieldatum 17.05.2014 angepasst.

Das Schöne am Ultralaufen ist ja, dass man im Training Marathons laufen darf, sagt man – und prompt waren die passenden gefunden. Linz, die Heimatstadt, bot sich an – ebenso die Bundeshauptstadt Wien mit ihrem Sightseeing-Marathon.

Und dann plötzlich die Erinnerung, da gab’s doch im Frühjahr 2013 jemanden, der auch diese beiden Marathons gelaufen ist – genau, Cristian Gemmato aka @_ketterechts – zwei Marathons innerhalb von acht Tagen. Im Rahmen der “Ketterechts-Challenge” hatte Cristian Wien in 3:41:20 und Linz in 3:50:10 absolviert – addiert also in 7:31:30.

Mit Christian Engelhardt aka @geordi2504 meldete sich rasch ein Twitter-Laufkollege zu Wort, der ebenfalls daran dachte, den Rennsteig-Supermarathon in Angriff zu nehmen. Somit wurde der Plan fixiert – im April 2014 Linz und dann Wien als Trainingsmarathons in einer umgekehrten “Ketterechts-Challenge” zu laufen.

Dazu kam noch: Christian ist ja mit Sebastian Haböck aka @SHaboeck und Peter Heinzl aka @peterslaufblog recht umtriebig in Wien auf Longjogs unterwegs, und bei einem dieser Läufe heckten die drei die wahnwitzige Idee aus, doch mal ganz einfach von Wien nach Bratislava (62 km) zu laufen! Nach längerem Hin und Her fand sich als einzig möglicher Termin dafür der Samstag nach dem Wien-Marathon – und hier beginnt das Experiment: Zwei Marathons und ein Ultralauf innerhalb von 14 Tagen.

Bereits relativ bald im Jahr stellte sich heraus, dass der Rennsteig terminlich gar nicht so richtig ins Privatleben passte. Vom Kopf her war er also recht rasch abgehakt (aber: aufgeschoben ist nicht aufgehoben), doch die Anmeldungen für Linz und Wien waren durchgeführt, die Startgebühren waren bezahlt – bei diesen beiden Läufen gab es also kein Zurück. Und von Wien nach Bratislava – ja, warum nicht?

Los ging’s also am 06.04.2014 mit einem Trainingslauf über 42,195 km in geplanten 3:29:59 durch die oberösterreichische Stahlstadt. Gleich von Anbeginn lief es bei Christian und mir perfekt – die Rahmenbedingungen waren hervorragend, wir waren bestens vorbereitet, die Kilometer flogen nur so vorbei. Waren wir schon bei 1:42:xx zur Halbzeit durch, hatte ich doch bei etwa km 30 einen kleinen Hänger, aber dann führte die Strecke wieder ins Zentrum zurück, und das Laufen fiel wieder leichter. Beflügelt von einem perfekten Rennverlauf beschleunigte ich gegen Ende noch, und so liefen wir zeitgleich mit 3:22:39 ins Ziel – wunderbar relaxt und rundum zufrieden.

Eine Woche später – am 13.04.2014 – war dann die Vorgabe: Nicht mehr so unvernünftig gegen Ende Gas geben, sondern einen Arbeitskollegen von Christian zu einer Marathonzeit von knapp unter 4 Stunden ziehen. Die Laufgruppe war groß, neben Sebastian und Peter waren einige von Christians Arbeitskollegen dabei, und trotz Gruppendynamik liefen wir absolut kontrolliert los.

Hatte ich bislang nach Marathons immer ein bis zwei Wochen komplett Pause gemacht, ging es diesmal mit ein paar lockeren Jogs eingestreut quasi eine Woche später wieder volles Programm weiter – und meine Oberschenkeln gaben mir das bereits nach wenigen Kilometern zu erkennen! Bis km 25 war das jedoch überhaupt kein Problem, es ging alles sehr einfach und leicht in einer 5:35er-Pace dahin. Kurz nach der Halbzeit merkte ich aber, dass ich etwas ändern musste; ich ließ mich von unserer Spitzengruppe zurückfallen, um Christian und Begleiter aufschließen zu lassen – primär, um mein eigenes Rennen etwas abwechslungsreicher zu gestalten.

Leider hatte dies nicht den gewünschten Effekt: Kurz sah ich die beiden mal (bei der Wende bei km 30), aber dann begann es zu regnen, und die Einöde der schier endlosen Praterhauptallee-Gerade machte das Laufen sehr mühsam. Und vor allem das Tempo – dieses langsame Tempo! Die Oberschenkel wurden im Regen kalt, die Laufbewegungen waren nicht mehr rund; bei km 36 hatte ich dann genug: Tempo! Ich beschleunigte auf 4:40 min/km, holte kurz vor km 40 die Führenden unseres Teams ein und zog dann weiter mit gleichbleibendem Tempo bis ins Ziel durch: 3:52:38 stand schlussendlich als Nettozeit fest.

Die “Ketterechts-Challenge” war somit mit gesamt 7:15:17 erfolgreich abgeschlossen worden. Dennoch gab’s kein Ausruhen: Sechs Tage später standen wir wieder an der “privaten” Startlinie, um von Wien nach Bratislava zu laufen. Witzigerweise begannen die Oberschenkelschmerzen etwas später – erst beim km 15 – , aber dafür meldeten sich nach 35 Kilometern dann auch die Unterschenkel und die Knöchel. Aber was soll’s? Weitergelaufen wird.

Die Strecke war vor allem mental fordernd – die längste Gerade meines Lebens (15 km!!) und die unglaublich abwechslungsreiche Landschaft (links Auwald, rechts Auwald) machten diesen Ultralauf nicht gerade einfach. Christian und ich spürten die beiden Marathons gegen Ende dann schon gehörig, wir liefen etwas wortkarg nebeneinander her, aber Bratislava begrüßte uns mit reichlich Sonnenschein und Finisher-Bier – nach 6:19:xx hatten wir unser Ziel erreicht; und das überglücklich!

Die Tage danach waren dann verblüffend: Zwar bemerkte ich schon einen leichten Muskelkater in den Beinen, aber bereits zwei Tage nach dem Ultralauf absolvierte ich einen schnellen 8km-Lauf (Eferdinger Osterlauf), und zwei Wochen danach pulverisierte ich meine bisherige Halbmarathon-Bestzeit und unterbot sie um ganze vier Minuten beim Hallstätter Seerundlauf.

Fazit des Experiments: Es hatte funktioniert! Ab einem gewissen Trainingsstadium ist es scheinbar möglich, mit relativ wenig Regenerationszeit durchaus konkurrenzfähige Wettkämpfe zu bestreiten, selbst wenn man nicht mehr der “Jüngste” ist. Zur Regel möchte ich es dennoch nicht machen, so viele lange Läufe im hohen Tempo knapp hintereinander zu absolvieren, aber den Versuch war die ganze Sache durchaus wert.

Und Spaß hat es gemacht – vor allem mit so guten Freunden und Begleitern.

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