Krabbelgruppe

Nicht wandern – renn‘ den Steig!

Was letztes Jahr aus seltsamen organisatorischen Gründen nicht geklappt hatte, sollte diesmal anstehen – meine längste bislang gelaufene Distanz entlang des Rennsteigweges in Thüringen (D), der Supermarathon über 72,7 km.

Den dafür passenden Trainingsplan hatte ich aus Hubert Becks Ultramarathon-Buch genommen – 100km-Laufplan auf Basis 3h15 Marathon, das sollte hinkommen. Nachdem Christian ( @geordi2504 ) voriges Jahr bereits in knapp über 7 Stunden den Rennsteig gelaufen war, stand diesmal eine Sub7 an, und dafür sollte der Trainingsplan gut passen. Was hieß, auch Christian orientierte sich an diesem.

Der Anfang war von meiner Seite aus noch etwas durchwachsen – im Februar nicht ganz gesund ging es dann aber schon ganz gut dahin; Test-10er in Wien mit Sebastian ( @die_bergziege ) und Halbmarathon-PB in Graz zeigten formmäßig nach oben. Immer wieder versuchte ich Höhenmeter in die Trainings einzubauen – rund um Linz und im Alpenvorland ist das ja kein Problem.

Unterbrochen wurde das alles nur durch flache „Longjogs“ – die Marathons in Wien, Linz und London; aber auch diese hatten ihre Berechtigung und zeigten auf, dass die Regeneration um ein Vielfaches besser funktionierte als im Vorjahr.

Am Wochenende vor dem großen Tag gab’s noch zwei Trailläufe – einen mit Dominik ( @ciclistarosa ) und einen mit Christoph ( @aigsi24 ) sowie einen trotz Regen sehr schönen Halbmarathon in Salzburg als Pacemaker für Lara ( @lara_amalia ), die dort ihre persönliche Bestleistung lief. Etwas müde fühlte ich mich in der Woche vor dem Rennsteig schon, aber gesund und ohne Schmerzen – das Abenteuer konnte beginnen.

Die Anreise erfolgte am Freitag (8.5.) zusammen mit Christian, Demeter ( @triathlondog ) und Benjamin ( @runningbensch ) – letzterer hatte sich kurzfristig noch dazu entschlossen, ebenfalls die Ultradistanz in Angriff zu nehmen. Trotz kleinerer Staus kamen wir bei herrlichem Wetter gut voran und erreichten den Startort Eisenach um etwa 18 Uhr. Mit Demeter und Benjamin wurde rasch der Hotel-CheckIn im Ibis abgewickelt, dann ging’s hinein in den Ort zur Startnummernabholung und „Pastaparty“. Bei der Abholung lief alles sehr professionell ab, es gab eine recht schlanke Starter-Bag, und wir buchten auch gleich das Busticket für den Rücktransfer.

Am Marktplatz von Eisenach fand die Läuferparty statt – großes Verpflegungszelt mit Rockband, jede Menge Biertische im Freien, und Köstritzer Schwarzbier als Basisgetränk ließen durchaus Feierstimmung aufkommen; das Wetter war herrlich, und es gab regen Besuch von Läufern und Begleitern.

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Die Vorstellung des Eisenacher Carboloadings wunderte mich dann doch etwas – Kartoffelknödel mit Brotwürfelfülle, Rotkraut und Schweinebraten; wobei der „Braten“ eher nach einem Hechslerunfall aussah.

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Schmeckte aber ganz gut, und der Abend verging mit Läuferkollege Hugo ( @whoogleplex ) und Twitterkorrespondent Carsten ( @twitt3rless ) sehr amüsant.

Nach einer etwas unruhigen und kurzen Nacht – wusste nicht, dass Hunde so schnarchen können 😉 – begrüßte uns Eisenach mit perfektem Wetter: trocken, leicht bedeckt, kühl bei etwa 10° Celsius. Ein schnelles Frühstück im Hotelzimmer, alles zusammenpacken, und mit Twittertaxi von Carsten in den Ort zum Start. Wir waren spät dran, gerade noch ging sich ein kurzes Tweetup mit Ulf ( @gpway ), Patrick ( @sportingmunich ), Holger ( @holger_aus_dd ), Christian und Hugo am Marktbrunnen aus.

Gunter, Hugo, Ulf, Christian und Patrick vor dem Start des Rennsteig Supermarathons 2015

Und dann hörte man bereits den Countdown: Start um 6:00 Uhr.

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Den ersten Kilometer liefen wir flott durch schmälere Straßen von Eisenach, dann begann der 24 km lange Anstieg auf den Großen Inselsberg. Wie Demeter schon richtig bemerkt hatte, hatten wir 700 Meter Steigung vor uns – das ist ähnlich wie in Linz auf die Gisela-Warte, bloß dass wir das dort in 8 km bewältigen. Somit war der Anstieg für uns Alpenländler moderat, und die für Sub7 notwendige Pace von 5:45 min/km hielten wir sogar bergauf in etwa ein.

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Alles fühlte sich locker an, Ulf, Holger und Christian machten nach dem Großen Inselsberg sogar richtig Tempo – es war herrlich zu laufen. Etwas eintönig ging es allerdings dahin; nur kürzere Wurzelpassagen und kleinere Gegenanstiege brachten etwas Abwechslung, ansonsten legten wir viele Kilometer auf schnurgeraden, einsamen Waldautobahnen zurück ohne große Ausblicke in die Landschaft. Insgeheim hatte ich mir ein paar Ortschaften erhofft, mit Zuschauern am Wegesrand – oder interessante Wegabschnitte, vielleicht mit ein paar Felsen oder Ausblicken über das Land, aber leider: Fehlanzeige.

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Zumindest die Wanderer und Walker, die ebenfalls auf der Strecke unterwegs waren, honorierten die Leistungen der Supermarathonis und feuerten an, obwohl sie selbst mit bis zu 35 km Wanderroute Ordentliches zu absolvieren hatten.

An der Verpflegungsstation Ebertswiese (km 37,4) nahm ich mir eine Zitronenspalte mit etwas (viel) Salz – die rechte Wade war nicht mehr so locker, und die Mineralien halfen sofort. Ansonsten: Warmer Tee war perfekt – das restliche Angebot war übrigens riesig, wobei speziell der „Schleim“ hervorzuheben war, den es in Orangen- und Himbeergeschmack gab. Ich verzichtete auf diesen appetitlich angepriesenen Porridge dankend und blieb beim altbewährten Isostar Kohlenhydratriegel.

Die Krabbelgruppe Christian, Gunter, Holger und Ulf

Ab Kilometer 40 merkte ich, dass Christian immer besser ins Rennen kam, und ich musste abreißen lassen – nun gut, wir hatten das so ausgemacht, und es war okay; jeder läuft sein eigenes Rennen. Ulf war auch kurz neben mir, er hatte mit Krämpfen zurecht zu kommen, aber nach Salzaufnahme ging’s ihm auch wieder besser, und er zischte ab.

Mich begann der Laufrucksack zu nerven, den ich aus Sicherheitsgründen mit Wechselkleidung, Isogetränk und KH-Riegeln vollgefüllt hatte; irgendwie eine Fehlentscheidung, wie sich herausstellte, denn die Verpflegungsstationen boten fast alles, was man sich wünschte (bis auf Orangen!), und das Wetter hielt, und es blieb trocken – zumindest über mehr als 6,5 Stunden.

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Kurz vor km 50 dann irgendwie Leere: Keine Schmerzen, auch genug getrunken und gegessen, aber eine allgemeine Müdigkeit und Kraftlosigkeit, einsames Dahinlaufen (und Gehen bei den Anstiegen) – eine zähe Phase. Ich genehmigte mir noch eine kurze Pause, trank mein Peeroton Ultra Getränk, versuchte den Laufrucksack ein weiteres Mal besser zu fixieren und lief mehr schlecht als recht zum Grenzadler (km 54,7) weiter – etwas genervt mittlerweile. Glücklicherweise stand dort nochmals Carsten, dem ich dann einfach meinen Rucksack übergab, da ich wusste, für die restlichen 18 km brauche ich das ganze Zeug nicht – eine goldrichtige Entscheidung.

Gunter am Grenzadler

Auf einmal fühlte ich mich befreit, alles war wieder locker, sogar der erste Anstieg nach der Verpflegungsstation Grenzadler klappte relaxt, und ich schnappte mir einen Mountainbike-Fahrer, der sich den Weg hinaufquälte, im Bergansprint. Es tat nichts weh, die Beine liefen locker, ein Tempo unter 5:00 min/km war ohne Probleme möglich (und das nach über 50 km!), und die Zwischenzeit bei km 60 ließ mich wieder hoffen: Ich hatte bloß etwa 7 Minuten Rückstand auf die Sollzeit von 5 Stunden 45 Minuten. Mit einer aktuellen Pace um 5:00 min/km und dem Wissen, dass es dann eigentlich 13 km lang bergab geht, machte ich ordentlich Tempo. Immer wieder rechnen, vorplanen – was man eben so macht, wenn man nichts anderes als Laufen zu tun hat.

Bei km 65 war der Rückstand allerdings kaum kleiner geworden, und da sah es mit einem möglichen Sub7-Finish nicht mehr so gut aus (später erfuhr ich, dass die 60km-Marke falsch gesetzt war – deswegen also der Fehler). Bei der letzten Verpflegung (Schmücke) blieb ich nur ganz kurz, zwei Verpflegungsposten konnte mir die genaue Entfernung zum Ziel nicht sagen, aber egal: Weiter, weiter. Auf einem Straßenwegweiser stand „Schmiedefeld 8 km“ – aber nur mehr 38 Minuten Zeit; das würde knapp werden.

Die nächsten Kilometer ging’s mit Pace 4:45 min/km eine weitere Forstautobahn hinunter, man konnte Schmiedefeld schon hören – und bei der Überquerung der Skilifttrasse sogar sehen. Dennoch war’s noch weit, und es begann heftig zu regnen (inklusive Graupelschauer). Ein lautes „Geh bitte, ist das jetzt noch notwendig?“ konnte ich mir nicht verkneifen, und völlig durchnässt lief ich in flottem Tempo durch die ersten Straßen und Wege des Ortes Schmiedefeld. Kurz mal Tempo herausnehmen, da sich doch ein Krampf im Oberschenkel ankündigte – der war aber nach wenigen hundert Metern wieder weg – , und ich schnappte mir noch ein paar Mitläufer. Dann ging alles sehr schnell: Wanderer in durchnässten Plastikumhängen überholen, ein paar Mal „Achtung!“ um die Ecken herum gerufen, und dann war das Ziel da – Endspurt, und zügig über die Zeitmessmatten.

Christian empfing mich gleich nach der Medaillenüberreichung – er hatte etwa 10 Minuten vor mir das Ziel erreicht. Leider war es sich dann für mich doch nicht ganz ausgegangen: 7:01:41 ergab die offizielle Endzeit.

Was soll’s? Das nächste Mal einfach nicht so lange bei den Jausenstationen stehenbleiben, die Strecke etwas besser vorbereiten (Verpflegungen sind die einzigen Fixpunkte!) und nicht auf das GPS der Uhr und km-Tafeln verlassen.

Hoffnung macht auf jeden Fall, dass ich trotz des Einbruchs bei etwa km 50 anschließend noch über 20 km äußerst locker weiterlaufen konnte – zum Teil in einer Pace von 4:30 min/km ohne irgendwelche Probleme in Muskeln, Sehnen und Gelenken. Hatte ich bei meinem Einbruch noch ein wenig gezweifelt, ob dieses Ultralaufen doch das Richtige für mich ist, war ich mir im Ziel sicher: JA! Das ist genau das, wofür es sich zu laufen lohnt.

Gleich nach dem Zieleinlauf, immer noch im Regen, schwanden die Kräfte etwas – für ein paar Minuten wurde ich wirklich etwas ruhig, aber dann ging’s wieder – Christian und ich begrüßten die ziemlich erledigte Katja ( @kajtavonderburg ) im Ziel, die nichtsdestotrotz souverän ihre Altersklasse gewonnen hatte, und begaben uns dann zum Duschzelt und der Umkleide.

Obwohl wir keinen Treffpunkt vereinbart hatten, fanden wir Benjamin problemlos, der in unter 6 Stunden ein sensationelles Rennen abgeliefert und den 1. Platz in der M30-Klasse geholt hatte – und anschließend kamen alle lieben Freunde zum Läuferbier-Stand:
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Hugo, Patrick mit Freundin, Carsten mit Läuferkollegen Christian und Philipp ( @laufjameslauf – von dem es auch einen tollen Laufbericht gibt) – nur Demeter mussten wir suchen, der litt irgendwo auf einer Bank liegend nach seiner Tour-de-force in unter 6 Stunden und dem 12. Gesamtrang.

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Vielen Dank hier nochmal speziell an Carsten, der neben Taxi- und Fotodienst wirklich mein Rennen gerettet hatte – DANKE!!

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Ein wenig Zeit verbrachten wir noch am Sportplatz, da wir die Siegerehrung abwarten mussten – dann ging’s aber zurück mit dem Bus nach Eisenach und zum Leeressen (und Leertrinken) einer Pizzeria mit Demeter, Benjamin, Hugo und Christian; inklusive Abschluss-Lagavulin im Kulturcafe.

Nochmals kurz geschlafen, und am Folgetag wieder mit den drei verrückten Burschen zurück nach Hause.

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Alles in allem ein tolles Erlebnis mit wunderbaren Freunden und Laufkollegen – und obwohl sich die Sub7 nicht ausgegangen waren dennoch ein schönes Erlebnis. Und das Wissen, dass solche Distanzen möglich sind.

Auf die Frage „Geh Sie, kriegen Sie bei dem vielen Laufen nicht Probleme mit den Knien?“ daher ein klares: NEIN!

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